An der Grenze Texas Mexico: Nachtrag zu unserem Projekt Spirit Garden
Ich bin noch zwei Tage alleine hier geblieben, nachdem Dan Mcmanus zurück nach New York musste. Ich will noch einmal ganz allein und normal, ohne Projekt, unter den Menschen hier in der Siedlung leben und spüren wie die Kräfteverhältnisse sind. Es ist merkwürdig: plötzlich ist alles wieder still in der Siedlung. Alles sieht neu aus mit den vielen neugepflanzten Bäumen und den blühenden Pflanzen und Skulpturen. Aber die Räume zwischen den kahlen Häusern sind wieder leer. Sind nicht mehr angefüllt von der wirbelnden Energie unserer intensiven Gruppenarbeit. Während wir hier alle zusammen arbeiteten war viel Licht, Kraft und Freude im Gelände zu spüren. Es fühlte sich ausgefüllt an von menschlicher Wärme. Jetzt zieht sicht die Energie wieder zurück, saugt an einem, will einen leer saugen. Wieder beginnt überall die Angst zu lauern. Auch die Kinder schauen einen wieder ungläubig an, trauen einem nicht mehr richtig über den Weg, grüßen nur noch zögernd. In diesem leeren Zwischenraum steigen wieder überall Bilder auf von potenziellen Untaten. Gefahr droht. Niemand fühlt sich hier auch nur einen Augenblick sicher. Es ist, als ob aus dem Boden gähnende, dämonische Kräfte aufsteigen und einen umklammern wollen. Ich hatte dieses Gefühl nicht während unserer kreativen Arbeit am Spirit Garden. Jetzt ist es wieder da, wie am Anfang unserer Tage hier. Jeder hat sich wieder verschlossen. Die Gesichter sind dunkel und derb verstellt- vom Drogenkonsum. Jeder kann hier jeden Moment verletzt werden:psychisch, durch krankhafte Anmache oder auch physisch bedroht werden durch irgendjemand der nicht mehr Herr seiner Gefühle ist. Hier kannst Du plötzlich einfach abgeknallt werden von irgendeinem drogengeschädigten Blindgänger, dem Du aus irgendeinem Grunde im Weg stehst. Erst gestern hat die Drogenmafia aus heiterem Himmel einen erschossen, der nichtsahnend seinen Hund ausführte. Ja, die Angst ist ausgebreitet hier, liegt wie eine dunkle, drückende Masse auf der Gegend. In diesen Gegenden Amerikas geschieht ein Mord pro Tag im Durchschnitt. Besonders in diesen letzten Tagen allein spüre ich die Angst, die mich wie mit großen Krallen ergreifen möchte. Ist sie real? Oder ist sie nur meine persönliche Angst? Rührt sie noch aus der unbewältigten Geschichte der Gewalt her oder steigt sie als wirkliche Kraft aus einem unerlösten, unverwandelten Dunkel auf, das hier auf diesem Südlichen Teil Nordamerikas zuhause ist. Tief in meinem Innern werden aber genau in diesen dunklen Momenten Konzentrationen von Gegenkräften wach. Ich muss intensiv an Goethes Sicht auf die Welt denken. Ich empfinde Dank, immer wieder Dank.
